Übers Steinewerfen

Posted by on 29. März 2015 in Gedacht, Gewesen | No Comments

Steine sind geflogen, heute, in unserer Stadt. Es riecht nach Frühling und wir fahren herum, meine bessere Hälfte und ich, wir fahren zu den Absperrungen, weil die Journalisten in uns neugierig sind.
Der hohe Glasturm der EZB steht wie immer, etwas verdreht und fremdartig neu am Frankfurter Himmel. Wenn die Sonne scheint, so wie heute wirft er einen langen Schatten.
Etwas Großes passiert, wir spüren es. Auch außerhalb der Absperrungen sind wir Teil davon, doch wir können es nicht ganz fassen oder begreifen. Wir sehen nur die äußeren Kanten:
Polizeiautos, in endlosen Kolonnen, grün und blau, Hundertschaften, die wie Tausende anmuten. Straßensperren, Sirenen, zahllose Hubschrauber, die bedrohlich über der Stadt verharren. Bewegungslos mit ihren laut knatternden Rotoren. Die Stadt steht still.

Und die Frankfurter? Tun was sie eh gut können, sich völlig unbeeindruckt geben. Werfen kurze arrogante Blicke zu den Polizeikolonen, als dächten sie: „Muss das alles wirklich sein?“, um dann weiter ihren wichtigen Terminen nachzukommen. Doch ab und zu, wenn keiner hinsieht, schielen sie doch alle unsicher zum Himmel, wo vier, fünf Helikopter kleben und die Luft mit ihren Rotoren zerreißen.

Später als die Sonne, ein dramatisch großer Feuerball vor blassen Milchhimmel, am anderen Ende der Stadt versunken ist, schauen wir, meine bessere Hälfte und ich, Nachrichten. Es heißt, es seien die schlimmsten Ausschreitungen, die die Stadt je erlebt hat. Während die Politik sich geschlossen und bemüht von Gewalt und Ausschreitungen distanziert, da zitiert meine bessere Hälfte einen Tweet: „Wer von den Steinewerfern von heute wohl in 30 Jahren unser nächster Außenminister wird?
Und es stimmt schon, dass es im Rückblick immer einfach ist richtig und falsch zu unterscheiden. Gesellschaften wachsen, sie verändern sich, auch mal durch Steinewerfer und auch an Tagen wie heute.
Vielleicht leben wir in 30 Jahren in einem viel linkeren Wirtschaftssystem, vielleicht auch nicht. Aber ich verstehe das momentane System nicht und maße mir nicht an, dass ich irgendein anderes besser verstehen würde. Und doch bleibt das dumpfe Gefühl, dass unser System, so wie es ist nicht wirklich funktioniert.
Politischer Idealismus und Fanatismus sind oft nur einen buchstäblichen Steinwurf voneinander entfernt. Mein Idealismus bleibt also Pragmatismus. Nach wie vor. Und meine Steine bleiben Worte.

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