Der innere Nerd

Posted by on 14. November 2014 in Gedacht, Gewesen | No Comments

Es ist Zeit für ein Geständnis: Ich mag Star Trek.
Aber irgendwie ist das peinlich, gerade so als Mädchen. Meine Barbies folgen in All. Raumschiffe aus Schuhkartons und Alufolie. Und die Freundinnen damals, die konnten das so gar nicht verstehen. Und so sehr mich der Weltraum begeistert, diese Conventions, wo sich Erwachsene spitze Ohren ankleben und in engem Polyester posen, das finde ich ziemlich befremdlich.

Mit den Jungs mache ich oft „Männerabend (plus Alicia)“. Dann trinken wir Bier, rülpsen und reden über Blödsinn, auch über Star Trek. Das hat die erst ziemlich verwundert. „Du bist doch ne Frau.“
Nun ist die Destination Star Trek in Frankfurt. Eine Convention in greifbarer Nähe. Zeit sich dem inneren Nerd zu stellen.
Der Himmel über dem Messegelände ist grau, die Luft voller Nieselregen. Die ersten Treckies in Uniform stehen vor der Halle und rauchen. Polyester und angeklebt Ohren. Ich hole tief Luft.
Drinnen ist es dunkel. Messehostessen in Uniform legt ein pinkes Bändchen um meinen Arm.
Vulkanierfamilien scherzen mit ein paar Borg. Die weiblichen Trekkies belagern einen Stand an dem es Tribbles gibt. Schnurrende Pelzkugeln.
Es gibt eine Brücke, gelber Teppichboden und die typischen geschwungenen Sessel. Aus welcher Serie entzieht sich meiner Kenntnis. Die Trekies stehen Schlange um dort ein Foto machen zu dürfen. Gerade ist aber ein Reinigungsteam zu Gange. Der helle Teppichboden ist nicht für soviel Andrang gemacht.
„Go, clean the bridge.“, sagt einer der Veranstalter.

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Natürlich gibt es auch ein paar Altstars, echte Crew-Mitglieder. Ein Teil der Halle ist mit dunkelgrauen Planen abgetrennt. Vor dem Eingang, eigentlich nur eine Lücke zwischen den Planen, gibt es Gedrängel. Ich will nur mal schauen und werde von der Menge mitgezogen. Im Inneren sind lange Stuhlreihen aufgebaut. Der improvisierte Saal ist beinah voll besetzt. Eine gewisse Spannung liegt in der Luft. Die Trekkies hibbeln auf den Stühlen herum. Vorne ist eine Bühne mit Stühlen, darüber eine Leinwand, auf der nun eine Animation beginnt um den nächsten Gast anzukündigen. Mister William Shatner. Das Urgestein. Captain Kirk.

Dann der große Moment: William Shatner ist da. Die Menge seufzt unisono. Mister Shatner grinst und schlappt auf die Bühne, im wahrsten Sinne des Wortes. Er trägt braune Pantoffeln mit Karomuster. Mit einem saloppen Winken nimmt er Platz. Er redet erst einmal über seinen Hund, dann über einen Affen, dann über Rock Musik, dann kommen die Fragen. Ein Mitdreiziger mit schlechter Haltung ist dran. Eine Insiderfrage, ich verstehe ihn nicht. Er spricht gebrochenes Englisch mit sächsischem Akzent. Shatner bleibt cool: „Well, god made the universe or in other terms Gene Rodernberry.“
Gelächter und Applaus. Shatner zieht weiter zum Autogramm- und Fotostand.

2014_Shatner

Dort stehen brav in langen Reihen, geduldig die Fans und warten auf ihre Idole. Für ein Autogramm muss man in Tokens bezahlen. Für das von Shatner umgerechnet 50 Euro. Nur für das Autogramm, der Ausdruck des Fotos, auf dem er unterschreibt, kostet extra.
Das Gleiche gilt für ein Foto auf der Brücke: 15 Euro kostet hier ein Abzug. Ein flauschiger Tribbel kostet je nach Größe bis zu 30 Euro. Hinzu kommt der Eintritt. Von 40 Euro für den Tagespass bis zu 3000 Euro für einen sogenannten VIP-Pass. Das ist schon ziemlich ironisch, wenn man bedenkt, dass das Stark Trek Universum einer Art kommunistischer Ideologie folgt. Geld ist abgeschafft.2014_StarTrek_Preise

Aber das ist die ferne Zukunft. Nach der Erfindung des Warp-Antriebs. Hier im Jahr 2014 stört das die Fans nicht weiter. Die Trekkies sind gut drauf. Wo sonst kommt man der Serie so nah, wie hier. Nur woher kommt diese Begeisterung, dieses Bedürfnis in das Universum Star Trek einzutauchen. Es ist ja nur eine Serie.
„Bei Star Trek geht es um mehr!“ sagt Simon, einer meiner Jungs erbost, als ich beim nächsten Biertrinken von der Ironie der Convention erzähle. „Es geht um Fragen zur Menschlichkeit.“
„Ja genau!“, sagt Andy. „Wir arbeiten alle um uns selbst zu verbessern und den Rest der Menschheit.“, zitiert er weiter.

Es ist die Sehnsucht nach einer Utopie. Eine ferne, zukünftige Welt,  in der alles besser ist.
Das Streben nach etwas Besseren ist anscheinend tief in unserem Inneren verwurzelt. Hinzu kommt die Erzählstruktur der Serie. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Ab und zu ist es spannend, klar.  Aber das Gute siegt immer. Immer! Die Helden sterben nie und wenn dann auf erträgliche, weil besonders heldenhafte, heroische Weise. Wer würde nicht gerne in so einer Welt leben? In so einer Welt, in der alles Sinn macht.  Triviales wird herausgeschnitten und nach 45 Minuten kommt die Pointe. Es hätte was im Star Trek Universum zu leben, oder? Mein innerer Nerd ist im Grunde genommen ein Idealist, immer auf der Suche nach der Pointe.
„Ich muss mir trotzdem keine spitzen Ohren ankleben!“ sage ich zu den Jungs und hebe mein Bierglas. Nickend stoßen wir an.

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